„Vorzeigeminderheit“ zu „China-Virus“

Jennifer Fu

Von „Vorzeigeminderheit“ zu „China Virus“

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie kommt es weltweit vermehrt zu Anfeindungen, Ausgrenzung und zu körperlichen Gewalttaten gegenüber der ostasiatischen Community. Seither finden Ostasiat:innen immer mehr mediale Aufmerksamkeit, wenn sie über anti-asiatischen Rassismus sprechen. Warum finden sie aber erst jetzt Gehör? Gab es vorher keinen anti-asiatischen Rassismus? Und wie hängt das mit COVID-19 zusammen?

Anti-asiatischer Rassismus – Was ist das?

Anti-asiatischer Rassismus in Deutschland existiert nicht erst, seitdem Corona ausgebrochen ist, sondern hat bereits eine lange Geschichte hinter sich. Anhand historischer Bespiele lässt sich eine Kontinuität von anti-asiatischem Rassismus feststellen.

Deutschland hatte Teile von China in der Kolonialzeit besetzt. Als sich die Bürger:innnen 1899-1901 wehrten, sagte Kaiser Wilhelm II. in seiner „Hunnenrede“, dass die Chines:innen mit ihrem Akt des Widerstands gegen die Kolonialmächte ihr Recht auf Leben verwirkt hätten.1 Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialist:innen waren auch die damals in Deutschland lebenden Chines:innen unmittelbar von der NS-Rassenpolitik betroffen: Sie wurden ausgewiesen oder in Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager verschleppt und dort ermordet.2 1980 in Hamburg, 1991 in Hoyerwerda und 1992 in Rostock-Lichtenhagen waren mit die schwerwiegendsten Fälle anti-asiatischer Gewalt nach der NS-Zeit. In allen drei Fällen wurden Wohngebäude, in denen größtenteils Vietnames:innen lebten, von Rechtsradikalen angegriffen oder in Brand gesetzt. Statt einzugreifen, schauten Menschen zu und applaudierten. Sowohl in Hoyerwerda als auch in Rostock-Lichtenhagen griff die Polizei tagelang nicht wirklich ein. Die verantwortlichen Politker:innen ließen zwar die Angegriffenen evakuieren, jedoch sorgten sie nicht für die Verhaftung der Angreifer:innen.3 Über den Angriff in Hamburg im Jahr 1980 fehlt jegliche Berichterstattung, obwohl dieser rassistisch motivierte Mord zwei Menschenleben gekostet hat. Dabei kamen Nguyen Ngoc Chau und Do Anh Lan ums Leben.4 Diese Ausschreitungen sind nicht nur als eine Folge der Vereinigungspolitik einzuordnen, sondern als Ausdruck einer kontinuierlichen Existenz von Rassismus in der deutschen Bevölkerung.5

Wie ihr unschwer erkennen könnt, gab es einige Gewalttaten gegenüber Ostasiat:innen.

Manche von euch werden sagen, dass es sich hierbei nur um Einzelfälle handelte und dass Ostasiat:innen doch in Deutschland willkommen seien, immerhin stellten sie doch die „Vorzeigeminderheit“ dar.

Lasst mich eins klarstellen: Sowas, wie eine Vorzeigeminderheit, gibt es nicht. Dieser Mythos wird genutzt, um Ostasiat:innen als Beispiel für vorbildhafte Integration darzustellen, mit der Kehrseite und dem Hinweis darauf, dass andere Migrant:innen sich nicht genug anstrengen, nicht gut genug sind und sich deshalb nicht „integrieren“ können, weil ihnen die Leistungsbereitschaft und der Ehrgeiz fehlt. Es scheint so als würde man mit diesem Mythos versuchen, andere Migrant:innen abzuwerten, indem sie die ostasiatische Community aufwertet. Die Darstellung als Vorzeigeminderheit treibt einen Keil zwischen die Black, Indigenous and People of Color (BiPoC) Communities. Zudem vereinfacht und verzerrt diese vorbildliche Minderheitenmythologie die Lebensrealitäten vieler Ostasiat:innen in diesem Land. Ihre finanziellen Probleme, ihre Fluchtgeschichten und ihre Traumata werden vereinheitlicht, nicht thematisiert und wenn schon, dann positiv dargestellt.

Einige sind wahrscheinlich immer noch der Meinung, dass Ostasiat:innen, auch wenn dieser Mythos nicht existiere, aber dennoch eher positive Attribute zu geschrieben werden und es deshalb ja nicht so schlimm sei, ja um „positiven“ Rassismus handeln würde. Aber auch das ist nicht richtig. Positiv und Rassismus in einem Satz zu verwenden, ist anmaßend. Rassismus ist ein Zusammenspiel aus Vorurteilen und Macht. Dabei ist Rassismus immer eine Form der Unterdrückung, die niemals positiv sein kann. Wenn man beispielsweise Asiat:innen als besonders ruhig, zurückhaltend und damit besonders höflich darstellt, geht damit einher, dass asiatische Männer als schwach und feminin gelesen, während asiatische Frauen als sehr devot und unterwürfig gesehen werden. Zum einen werden Asiat:innen durch solche Äußerungen homogenisiert und nicht mehr als Individuen gesehen, die verschiedene Charaktereigenschaften und Stärken haben. Zum anderen bedient man mit diesem Bild der ruhigen zurückhaltenden asiatischen Frau Stereotype, die dazu führen, dass diese fetischisiert, exotisiert, ausgebeutet und oft Opfer sexualisierter Gewalt werden, während asiatische Männer feminisiert und als machtlos stigmatisiert werden.

Die weiße Mehrheitsgesellschaft kann uns Privilegien geben, indem sie ein Gerüst wie die Vorzeigeminderheit konstruiert. Gleichzeitig kann sie diese Privilegien aber auch wieder dekonstruieren. Sie kann sagen, dass wir hartarbeitende und gute Menschen sind. Sie kann uns Privilegien zuschreiben, aber in jedem Moment wieder nehmen. Sie kann uns unsere Existenzen nehmen. Ein Beispiel ist Bubble Tea: Indem weiße Wissenschaftler:innen der RWTH Aachen behaupteten, dass Bubble Tea krebserregend sei und dies medial Wellen schlug, gingen kurz darauf so gut wie alle Bubble Tea Läden bankrott. Diese Studie wurde als solches nicht mal in Frage gestellt und Jahre später erst als falsch widerlegt. Zu spät. Dieser Fehler in der Studie und die darauffolgende Berichterstattung bedrohte die finanzielle Grundlage einiger Menschen und damit ihre Existenzen.

Insgesamt umfasst anti-asiatischer Rassismus unterschiedliche Formen von Gewalt. Diese reichen von Mikroaggressionen über strukturelle Diskriminierung bis hin zu körperlichen Angriffen und Morden.

Rassismus und Corona

Dieses Zu- und wieder Absprechen unserer gesellschaftlichen Stellung lässt sich gerade zu Zeiten von Corona erkennen. Nun sind wir nichtmehr die stillen, netten und hartarbeitenden Nachbar:innen, die keiner Fliege was zu Leide tun könnten. Nein, wir sind jetzt ansteckend, unhygienisch und gefährlich. Wir sind das Corona-Virus. Wir sind schuld. Wir müssen dafür zahlen.

Die Verstärkung von antiasiatischem Rassismus im Kontext der Corona-Pandemie lässt sich vor dem Hintergrund (post)kolonialer Narrative zu ‚Asien‘ historisch einordnen. Seit dem 19. Jahrhundert wird die ‚Gelbe Gefahr‘ mit der Entstehung und Verbreitung von Epidemien wie der Pest, in der jüngeren Vergangenheit mit Infektionskrankheiten wie Sars (severe acute respiratory syndrome) verknüpft. Das biologisch-medizinische Phänomen einer Pandemie wird rassifiziert und kulturalisiert; Ess-, Wohn- und Hygienegewohnheiten werden als Teil einer imaginierten ‚asiatischen Kultur‘ für die Entstehung und Verbreitung von Pandemien verantwortlich gemacht.6

„Hast du schon mal Hund oder Katze gegessen?“, „Asiat:innen essen doch wirklich alles.“

Diese scheinbar harmlose Frage und Aussage verstärken das Narrativ der ekelhaften und zurückgebliebenen Essgewohnheiten und enden zu Zeiten von Corona in Aussagen wie: „Selber schuld, wenn sie Fledermaussuppen essen, aber mussten sie wirklich die ganze Welt da reinziehen? Sollen sie doch da bleiben, wo sie hingehören.“ Viele von euch werden das Gerücht schon mal gehört haben, dass der Ursprung des Corona-Virus darin liegt, dass ein Mensch in Wuhan eine Fledermaussuppe gegessen haben soll. Diese Vermutung scheint für viele Menschen ganz naheliegend, da das Stigma, Chines:innen würden grundsätzlich nur komische Sachen essen, schon seit Ewigkeiten präsent ist. Als das Ebola-Virus in Zentralafrika ausgebrach, wurde sehr viel antischwarzer Rassismus reproduziert und schwarze Menschen wurden gemieden. Man warf ihnen vor, dass sie unhygienisch und rückschrittlich seien, und dass das Virus nur deshalb von einem Tier auf einen Menschen übertragen werden konnte. Auch das Corona-Virus wurde von einem Tier auf einen Menschen übertragen, jedoch ist hier nicht allein die mangelnde Hygiene schuld, sondern auch die scheinbare Esskultur. Angenommen, das Virus wäre in Deutschland in einer Massentierhaltung von Hühnern entstanden. Stellt euch mal vor, jemand würde behaupten, dass der Ursprung darin läge, dass eine Person eine Hühnersuppe gegessen habe. Würdest du das, ohne nachzudenken, glauben? Und wenn ja, würdest du dann eher die Massentierhaltung oder die Essgewohnheit der Deutschen in Frage stellen? Ich würde jedenfalls den Ursprung nicht von der Nationalität und der Essgewohnheit der Deutschen abhängig machen. Durch diese bestehenden Stigmata verbindet man reelle Ereignisse mit unseren Schubladen, was für stigmatisierte Menschen sehr gefährlich werden kann.

Insbesondere Medienberichte zur Corona-Pandemie schaffen durch diskriminierendes Framing und/oder mehrdeutige, stereotypisierende, klischeebeladene und unsachliche Text-Bild-Verknüpfungen eine Grundlage für rassistisches Gedankengut.

Beispiele:7

30.01.2020: Bild „Vier bestätigte Fälle – So kam das Coronavirus zu uns“, Bild mit asiatisch gelesenen Personen am Esstisch

06.04.2020:Bild „Gefährliche Wildtiermärkte – Futtert uns China in die Katastrophe?, drastische Bebilderung mit Tierkadavern [wir verzichten an dieser Stelle auf eine Verlinkung und verweisen auf den Screenshot vom Titelbild #NoClicks4Bildzeitung]

15.04.2020: Podcast fest und flauschig (Olli Schulz, Jan Böhmermann), via Thea Suh aka @novemberbeetle

Zitat: „…durchgesuppt wie beim echten Chinesen, wo man nicht weiss, ist das jetzt ein gebratener Mensch, Hund, Katze, Fledermaus – es kann eigentlich alles sein.“

„Bilder wecken Assoziationen, Sprache schafft Wirklichkeit und Worte führen zu Taten.“8 Welche Auswirkungen diese Stigmatisierung auf unsere Lebensrealität vor und nach Corona hat, seht ihr in den abgedruckten Erfahrungsberichten.

„Wir sind irgendwie nicht Teil dieser Gesellschaft, auch wenn wir das sein wollen. Wir machen Witze über uns selbst aus Selbstschutz. Das Witze darüber machen und das Verharmlosen gibt weißen Menschen das Gefühl, dass es okay ist, Witze über uns zu machen und das ist so ein Teufelskreis.“ – Jenny N.

„Rassismus war früher subtiler – heute ist er giftiger. Ich wurde gemieden in der U-Bahn. Die U-Bahn war voll und ich saß allein in einem 4er Abteil. Keiner wollte sich zu mir setzen. Meine Freundin wurde einfach mit Desinfektionsmittel in der U-Bahn eingesprüht. Durch Corona haben die Leute, die rassistisch sind, jetzt einen Grund oder eine besondere Motivation, asian people aktiv und aggressiv anzumachen.“ – Jenny N.

„Früher haben sich die Menschen über uns lustig gemacht. Damit konnte ich noch irgendwie umgehen. Seit der Pandemie werden wir aber mit Corona assoziiert. Dieser Hass, diese Abneigung und diese Schuldzuweisungen. Das belastet mich sehr und es fällt mir immer noch schwer, damit umzugehen.“ – Lea

„Ich wurde von einem Mann angegriffen. Er sagte, dass ich nicht in dieses Land gehöre, obwohl ich sogar einen deutschen Elternteil habe. Er nannte mich „Ching Chong“ und „Corona Virus“. Er sagte sogar: ‚Iss meinen Hund nicht!‘, und fing daraufhin an, auf mich einzuschlagen. Ich habe angefangen zu bluten. Ich bin immer noch am Zittern und habe Angst. Es passierte nur einen Block von meinem Haus entfernt. Ich bin nicht mal da sicher. Es muss aufhören.“ -Hani

Das repräsentiert noch nicht einmal ansatzweise die Lebensrealität unserer Community. Es gibt noch so viel mehr Geschichten, die gehört und gesehen werden müssen. Ich könnte unendlich weiterschreiben, über meine Wut, Trauer und Angst, vor allem nachdem was in Amerika, in Atlanta passiert ist. Dafür reichen aber diese Seiten nicht. Bleibt wachsam und passt auf euch, eure Familie und eure Freund:innen auf!

1 Vgl. Kimiko Suda, Sabrina J. Mayer, Christoph Ngyuen Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ 42-44/2020: (Anti-)Rassismushttps://www.bpb.de/apuz/antirassismus-2020/316771/antiasiatischer-rassismus-in-deutschland#footnode3-3.

2 Vgl. Kien Nghi Ha, Chinesische Präsenzen in Berlin und Hamburg bis 1945, in: ders. (Hrsg.), Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond, Berlin–Hamburg 2012, S. 280–287; Dagmar Yü-Dembski, Chinesenverfolgung im Nationalsozialismus. Ein weiteres Kapitel verdrängter Geschichte, in: Bürgerrechte & Polizei 3/1997, S. 70–76.

3 Vgl. Kimiko Suda, Sabrina J. Mayer, Christoph Ngyuen Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ 42-44/2020: (Anti-)Rassismus; Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE, https://www.bpb.de/apuz/antirassismus-2020/316771/antiasiatischer-rassismus-in-deutschland#footnode3-3.

4 Vgl. Gedenken an ersten offiziellen rassistischen Mord nach 1945, 24.8.2020, http://www.migazin.de/2020/08/24/vor-40-jahren-gedenken-an-ersten-offiziellen-rassistischen-mord-nach-1945«. Siehe auch die Initiative für ein Gedenken an Nguyen Ngọc Chau und Do Anh Lan, https://inihalskestrasse.blackblogs.org/author/inihalskestrasse«.

5 Vgl. Noa K. Ha, Vietdeutschland und die Realität der Migration im vereinten Deutschland, in: APuZ 28–29/2020, S. 30–34; Dan Thy Nguyen, Rechte Gewalt, die DDR und die Wiedervereinigung, in: Bengü Kocatürk-Schuster et al. (Hrsg.), Unsichtbar. Vietnamesisch-Deutsche Wirklichkeiten, Köln 2017, S. 6–23.

6 Vgl. Kimiko Suda, Sabrina J.Mayer, Christoph Ngyuen Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ 42-44/2020: (Anti-)Rassismus; Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE.

7 Korientation e.V: „Rassismus in der Covid-19-Berichterstattung“; https://www.korientation.de/corona-rassismus-medien/; dort findet ihr auch noch mehr Beispiele

8 Korientation e.V.: „Rassismus in der Covid-19-Berichterstattung“; https://www.korientation.de/corona-rassismus-medien/.