Ein Jahr autoritäre Rebellen in Ostbayern

Ein Jahr autoritäre Rebellen in Ostbayern: Eine Zwischenbilanz

Noch während der Diskussion möglicher Maßnahmen der Pandemiebekämpfung und der Erarbeitung wissenschaftlich belastbarer Annahmen zum COVID-Virus, formierte sich Anfang 2020 eine Bewegung unter der allgemeingebräuchlichen Sammelbezeichnung der ,Corona Rebellen‘. Ihre Aktivitäten richteten sich nicht etwa gegen die Ausbreitung des Virus oder auf die Ausarbeitung konstruktiver Forderungskataloge für ein Leben in Zeiten der Pandemie. Die Proteste positionierten sich im Grunde gegen jegliche Infektionsschutzmaßnahmen, die Pandemiepläne von Regierungen und Verwaltungen sowie die mediale Darstellung der Pandemie – und letztlich gegen die Prozesse der Krisenpolitik des aktuellen demokratischen Systems an sich. Entsprechend überrascht wenig, dass die Proteste auch in Ostbayern in Teilen maßgeblich aus Reihen der extremen Rechten organisiert und unterstützt wurden. Als unerwartet hingegen erweisen sich die Intensität und Bereitschaft bisher politisch gemäßigt anmutender Milieus mit den Akteur:innen und Strukturen der extremen Rechten Allianzen einzugehen, wenn es nur dem gemeinsamen Ziel diene. Aufgrund dieser fehlenden Abgrenzung konnte die extreme Rechte im Laufe des Jahres auch zuvor unbedarfte Teilnehmer:innen erreichen. Personen, die lediglich aus Angst vor den ökonomischen Folgen der Krise oder um ihr Soziallaben auf die Straße getrieben wurden, wandten sich in der Regel schnell von der Bewegung und ihren integralen rechten Inhalten ab. Mittlerweile scheinen Rechtsextreme, Reichsbürger und andere Demokratiefeind:innen und ihre Ideologien und politischen Agenden die Deutungshoheit über die Szene der ,Corona Rebellen‘ gewonnen zu haben. Ironisch mutet dabei an, dass es ausgerechnet diese Akteur:innen sind, die erklären, sich gegen die „Corona Diktatur“, den „Gesundheitsfaschismus“ und die Abschaffung der demokratischen Freiheitsrechte einzusetzen. Politik, Medien und Mehrheitsgesellschaft schienen sich lange schwer zu tun, dieser Entwicklung mit klaren Konzepten zu begegnen. Im Folgenden soll ein Lagebild zur Entwicklung der ,Corona Rebellen‘-Bewegung und der Rolle der extremen Rechten darin in Ostbayern skizziert werden.

Anfänge und Formation der ,Corona Rebellen‘-Bewegung

Unter diffusen Selbstbezeichnungen, wie beispielsweise dem der ‚Corona Rebellen‘, sammelten sich allerorts und so auch in Ostbayern unerwartet viele Menschen zu wöchentlichen Kundgebungen. Vor allem der Messengerdienst Telegram diente den Aktivist:innen zur Organisation ihrer Proteste, mit welchen sie ihren Unmut und ihre Verunsicherung über die Regierungsmaßnahmen und deren Folgen auf die Straße tragen wollen. Neue, oft politisch unerfahrene Akteur:innen, aber auch solche mit aktivistischem Erfahrungswissen und politischer Historie, mobilisierten auch in Ostbayern eine bunt anmutende Mischung von Publikum, bestehend aus Menschen aller möglicher Altersspektren und Milieus, unter dem Thema der ,Corona Proteste‘ oder sogenannter ,Corona-Demos‘ auf die Straße.

Das Demopublikum, welches optisch vornehmlich durch das Spektrum der gesellschaftlichen Mitte und in Teilen durch esoterisch ausgerichtete Hippies und Alternative geprägt war, monierte bei den Kundgebungen primär die Einschränkungen von Grundrechten zugunsten des Infektionsschutzes und befürchteten eine mögliche Impfpflicht. Von einer politischen Agenda distanzierten sich damals viele Mitwirkende, die sich nur als besorgte Bürger:innen verstanden haben wollten. Schon früh zeichnete sich dabei eine Trotzhaltung ab, wonach man jegliche Kritik an Inhalten oder Akteur:innen mit Verweis auf deren rechte Hintergründe als Versuch der „Spaltung“ und „Diskreditierung“ der aufkommenden Bewegung verstand. „Also, ich habe keinen Nazi gesehen“, erwies sich seitens der Demoteilnehmer:innen als beliebte und ebenso beliebige Phrasendrescherei. Der Verzicht auf einschlägige Organisationsabzeichen und -symbole ermöglichte es auch als solchen bekannten Neonazis, Neurechten und Reichsbürger:innen völlig unbehelligt an den Protesten mitwirken zu können. Andere Träger:innen rechtsextremen Gedankenguts blieben oft lange unerkannt. Die Einbindung der extremen Rechten in die ,Corona Proteste‘ und die Sichtbarkeit dessen, variierte in Ostbayern von Ort zu Ort – war jedoch letztlich im Grunde übergreifend nachweisbar.

Deggendorf: ,Corona Proteste‘ als Sammelbecken extrem rechter Akteur:innen

Insbesondere im niederbayerischen Deggendorf zeigten sich die Proteste von Beginn an als aus Reihen altbekannter neonazistischer Akteur:innen der NPD, des III. Wegs und freier Kameradschaften oder mithilfe von Aktivist:innen der AfD organisiert. Unter dem recht konstant auftretenden Kreis der bis zu 60 Teilnehmer:innen der wöchentlich stattfindenden Protestaktionen fanden sich Anhänger:innen der benannten Organisationen sowie Bürger:innen ohne einschlägiger Historie und Parteiposten – dafür jedoch in großen Teilen mit eindeutiger Symbolik ausgestattet: Ein Mund-Nasen-Schutz mit dem Konterfei Adolf Hitlers, T-Shirts mit den Logos und Emblemen rechtsextremer und neonazistischer Organisationen, Anstecker mit Reichsfahne oder abgeklebte Tätowierungen verfassungsfeindlicher Symbole prägten das Publikum maßgeblich. Die entsprechende Klientel dürfte sich zuletzt auch bewusst von den Flyern der Demo-Organisation angesprochen gefühlt haben, welche im Hintergrund das Logo der neonazistischen Autonomen Nationalisten nutzte. Doch auch hier wollte man, wie so oft, von Rechtsextremen bei den Protesten nichts wissen. Derweil thematisierten die Deggendorfer ,Corona Rebellen‘ immer wieder das vermeintliche Versagen der Regierungsparteien und bedienten krude Mechanismen der Täter-Opfer-Umkehr. Dies etwa, wenn sie sich als politisch Verfolgte im Widerstand gegen die als diktatorische Entrechtung empfundenen Infektionsschutzmaßnahmen des Staates und seiner „Corona Diktatur“ inszenierten. Exemplarisch dafür in Deggendorf aber auch in Passau: Der angeheftete ,Judenstern‘ mit der Inschrift „ungeimpft“. Über diese Oppositions- und Opferinszenierung schlossen die neonazistisch geprägten Deggendorfer Demo-Organisator:innen offenbar willfährige neue Allianzen. Mit der AfD-Fraktionschefin im Bayerischen Landtag Katrin Ebner-Steiner und dem Passauer AfD Landtagsabgeordneten Ralf Stadler sowie dem AfD-Bundestagsabgeordneten Stephan Protschka zeigten sich mehrere hochrangige Funktionär:innen der Partei als Mitwirkende bei den entsprechenden Protesten – letztere beide sogar des Öfteren als Redner organisatorisch eingebunden.

Die Einbindung der organisierten Rechten: Hauptsache in der Sache vereint

Ostbayernweit versuchte die AfD von Beginn an, sich mit den Protesten gemein zu machen, die Inhalte der ,Corona Rebellen‘ politisch aufzufangen und sich als ihre Fürsprecherin im parlamentarischen Geschehen hervorzutun. Dies zeigt sich in der Teilnahme von Funktionär:innen bei den Protesten, teils gar als Parteidelegation, bis hin zur Organisation eigener ,Corona Proteste‘ durch Parteiaktivist:innen unter entsprechendem Logo und letztlich auf Ebene der parlamentarischen Arbeit.

Der parteipolitische Stimmenfang stieß einerseits auf Anerkennung unter den ,Corona Rebellen‘, soll die ,Alternative für Deutschland‘ doch die einzige Partei sein, welche sich gegen die große „Pandemie Verschwörung“ und die Implementierung einer von ihr selbst als Narrativ eingeführten „Hygienediktatur“ à la „DDR2.0“ einsetze. Allianzen zwischen vermeintlich bürgerlicher Mitte, Funktionär:innen rechter Parteien und offen Rechtsextremen lassen sich in den ,Corona Rebellen‘-Szenen allerorts beobachten. Die lapidare ,Hauptsache in der Sache vereint‘-Haltung legitimierte letztlich selbst gestandene Neonazis als Teil eines vermeintlich bürgerlich demokratischen Protest-Spektrums. Den offen rechtsextremen Deggendorfer ,Corona Rebellen‘ gelang es auf diese Weise recht früh, mit einer Art Veranstaltungs-Franchise mit bürgerlicher Fassade Kundgebungen in verschiedenen niederbayerischen Städten mit mehreren hundert Teilnehmer:innen zu organisieren. In Plattling, Straubing und Regen veranstaltete die neonazistisch geprägte Gruppe Kundgebungen, welche im Grunde ohne größere politische Gegenwehr, dafür mit Unterstützung ihres Haus-und-Hof-Demoreferenten Stephan Protschka MdB (AfD) durchgeführt werden konnten.

Eine markante Einbindung der AfD oder anderer Parteien und Institutionen der organisierten Rechten fruchtet allerdings immer wieder dort nicht, wo das Milieu der ,Corona Rebellen‘ das bestehende politische System als Ganzes bereits ablehnte und überwinden will, oder aber, wo sich bereits eigene Labels mit fester formaler Struktur und Rechtsform gebildet haben. Aus Imagegründen oder aber aus Sorge um den Ruf der erst jungen Strukturen wurde hier die Einbindung von Akteur:innen mit rechter Historie gerne unter den Tisch gekehrt. AfDler:innen und Anhänger:innen rechtsextremer Parteien engagieren sich deshalb häufig offiziell lediglich als ,Privatpersonen‘ und ohne Parteilabel in den Strukturen und bei den Protesten.

Passau und Landshut: Politisch planlos gestartet und nach rechts abgebogen

Das Konzept des Aufbaus neuer Labels ohne einschlägige Historie, aber unter Nutzung des Erfahrungswissens von politischen Aktivist:innen aus der organisierten Rechten, geht offenbar auf. In Landshut und Passau beispielsweise, organisierten sich die ,Corona Rebellen‘ relativ schnell unter festen Labels wie Querdenken-871 (jetzt: Bayern hält zusammen e.V.) und Für die Freiheit 2020 sowie MWGDF e.V. Diese seit Mai 2020 aktiven Initiativen generierten sich zunächst überwiegend aus Gesichtern der gesellschaftlichen Mitte. Mittels der hochfrequenten Organisation eventartiger Kundgebungen arbeiteten sich deren führende Akteur:innen im Verlauf des Jahres mit viel Engagement in die Führungsriegen der bayerischen ,Corona Rebellen‘-Szene.

Innerhalb weniger Monate entstand so über ganz Ostbayern ein ausdifferenziertes Netz an ,Corona Protest‘-Initiativen. Mit unterschiedlicher Spezialisierung kümmerten sich im kooperativen ,Corona Rebellen‘-Netzwerk Vereine und Initiativen um die Organisation von Demos, die Erarbeitung und Distribution von ,alternativ-wissenschaftlichem‘ Infomaterial für gigantische Desinformationskampagnen oder um die Organisation und Verwaltung von Spendendammlungen. Anwaltsinitiativen übernahmen die rechtliche Betreuung der Proteste und Busunternehmen engagierten sich als Demoreise-Anbieter. Durch die Gründung zielgruppenspezifischer Projekte für ,coronakritische‘ Eltern, Pädagog:innen, Studierende, Ärzt:innen, Anwält:innen, Wissenschaftler:innen und Co. ist die Existenz von 5 bis 15 solcher Initiativen bzw. Splittergruppen (meist ohne Rechtsform) und ihrer Telegramkanäle pro Stadt nicht ungewöhnlich.

Einzelne rechte Wortführer:innen, massenhaft rechte Inhalte

Tatsächlich ist es hier weniger die Quantität der Akteur:innen mit einschlägiger Historie, als vor allem die Qualität der Inhalte, welche eine völlig unkritische Offenheit des ,Corona Rebellen‘-Milieus zur extremen Rechten aufzeigen. Betrachtet man die Klientel der ,Corona Rebellen‘- und ,Querdenker‘-Proteste fällt auf, dass hier nur die wenigsten zu den ökonomisch primär Betroffenen zu zählen scheinen. Eine Beobachtung, über die sich mitunter die ,Rebellen‘ inzwischen selber beklagen. So divers die Gruppierungen der Bewegung zu sein scheinen, durchdachte Kritik oder Diskursbeiträge zu den Maßnahmen sucht man inzwischen vergeblich. Mitursächlich für das Ausbleiben konstruktiver pandemiebezogener Konzepte und Forderungskataloge könnte die fehlende Eigenbetroffenheit und somit mangelnde Introspektive vieler in den Protesten Engagierter sein. Was bleibt, ist die Frustration über die stagnierende allgemeine Ratlosigkeit und die Suche nach Sinnstiftung in einer Situation, in der ganze Gesellschaften unter der Existenz eines unsichtbaren Virus Einschränkungen erleiden (müssen), gepaart mit dem Unvermögen, Gegenangebote zu schaffen. Viele Aktive der Bewegung scheinen in den vergangenen Jahren zudem eine starke Entfremdung vom politischen System erfahren zu haben. Ihre Haltung ist von grundlegendem Misstrauen und der Ablehnung politischer Akteur:innen geprägt. Ihnen unverständlich oder schlicht falsch scheinende politische Entscheidungen werden in Folge damit erklärt, dass die hiesigen politischen Autoritäten entweder aus reinem Eigeninteresse auch gegen das Volk oder gar als Marionetten wahrer Machthaber:innen und deren geheimer Plänen handeln.

Gleichzeitig werden in der Szene bestimmte autoritäre Führungspersönlichkeiten und Staatsoberhäupter, wie der russische Präsident Wladimir Putin oder der ehemaliger US-Präsident Donald Trump, als Hoffnungsträger und Ikonen der verschwörungsideologischen ,Friedens- und Freiheitsbewegung‘ gezeichnet. In weiten Teilen des Milieus wird zudem einer romantisierten Vorstellung des militaristisch-monarchistischen deutschen Kaiserreichs oder des Modells des faschistischen Führerstaates nachgehangen. All diesen Regimen und autoritären politischen Regierungsoberhäuptern gemein ist, dass ihnen durch die autoritären Rebell:innen zugeschrieben wird, als wahre Interessensvertreter:innen des Volkes, frei vom Einfluss durch geheime Mächte oder niedere Motive, allein dem Wohl der Menschen zu dienen.

Die hohe Anschlussfähigkeit der ,Corona Rebellen‘ für die Inhalte und Vorgaben charismatischer Akteur:innen und Wortführer:innen prägt die Dynamik und Inhalte innerhalb der Bewegung. Die Motive ihrer führenden Köpfe können finanzieller Natur, aber auch weltanschaulich geprägt sein oder einer klaren politischen Agenda folgen. Ihnen gemein ist, dass sie es mit ihren Angeboten von Identifikations- und Erklärungsmustern schafften, diese Lücke für viele Sinnsuchende zu füllen. Unter dem Deckmantel des neuen Themas formieren sich in Folge altbekannte rechtsextreme Akteur:innen und neue Gesichter, welche in einer Mischung aus Narzissmus und reaktionären Weltanschauungen ihre große Chance auf Selbstverwirklichung und rebellische Abenteuer wittern. Sachorientierte Lösungsansätze zur Corona Krise haben diese in der Regel nicht zu bieten, sind möglicherweise auch gar nicht Teil ihrer Agenda. Stattdessen werden einfache Erklärungsmuster geboten auf vermeintlich entlarvende Beweise für große Verschwörungen verwiesen.

Diese spiegeln sich wider, wo die Proteste, Redebeiträge und Demo-Schilder sich gegen die ,Idiotie des Mainstreams‘ und die ,Diktatur der Bayerischen Staatsregierung‘ oder gleich gegen den ,Great Reset‘ und die ,Neue Weltordnung‘ richten. Die Thesen der ,Corona Rebellen‘ stellen die Existenz oder zumindest die Gefährlichkeit des Corona-Virus in Frage, halten die Pandemie für eine Lügenerzählung und die Infektionsschutzmaßnahmen für versteckte Unterdrückungs- und Entrechtungsmethoden. Wir seien alle Teil einer großen Verschwörung ökonomischer oder politischer Interessenvertreter, konkreter, im geheimen herrschender ,jüdischer Eliten‘ oder von Bill Gates vermeintlichen Weltherrschaftsplänen. Die Annahmen über eine geplante Neuordnung der Welt und ihrer Gesellschaftssysteme gipfeln in wahnhaften Szenarien von Zwangsimpfungen zur Bevölkerungsreduktion und Versklavung durch Chippen und DNA-Manipulation. Je schrecklicher und fundamentaler die heraufbeschworene Bedrohung, desto leichter leitet sich für die Querdenkender das Widerstandsrecht und daraus die zwingende Notwendigkeit eines Systemsturzes her. Die unkritische Übernahme und kontinuierliche Reproduktion solcher Thesen und Narrative spiegelt sich in der zunehmend beobachtbaren Radikalisierung ihrer Vertreter:innen und Rezipient:innen wider. Forderungen, die Parlamente zu stürzen und die Regierungspolitiker:innen wegen Verschwörung vor das Kriegsgericht zu stellen sowie die Vertreter:innen der Lügenpropaganda-Medien zur Verantwortung zu ziehen und Verwaltungsbeamte aka ,Marionetten der Regierenden‘ aus den Ämtern zu jagen, finden sich am laufenden Band. Blanker Hass gegenüber allen als Feinden markierten Personen, grundlegendes Misstrauen und offene Ablehnung der Demokratie und ihrer rechtsstaatlichen Institutionen und Prozesse gehörten in weiten Teilen der ,Corona Rebellen‘-Bewegung mittlerweile zur Normalität. Deren Aktivist:innen betonen inzwischen auch ganz offen: Um Corona allein geht es ihnen schon lange nicht mehr. Die Kritik an Infektionsschutzmaßnahmen wurde in großen Teilen durch ein Kräftemessen mit dem Staat und seinen Organen, von Systemsturzphantasien und offener Demokratiefeindschaft abgelöst. An diesem Punkt zeigen sich die ,Erwachten‘ für Sachlichkeit nicht mehr empfänglich. Im Gegenteil: Jedwede Kritik an ihrer Weltanschauung wird als Versuch der Spaltung und Verunsicherung der ,Widerständigen‘ verstanden und aggressiv abgewehrt. Wer das Offensichtliche nicht erkenne, sei eben kein Teil ,der Erwachten‘, sondern friste sein Dasein als ,Schlafschaf‘ und sei Teil des Problems – so die gängige Argumentation des verschwörungsideologischen Milieus. Durch diese Immunisierung gegen Kritik und Abschottung werden Radikalisierungsprozesse weiter beschleunigt und Interventionen erschwert.

Die Aggressionen der autoritären Rebell:innen entladen sich zunehmend offen. Sichtbar werden sie regelmäßig, wenn, wie in Regensburg, Plattling, Weiden oder Passau Journalist:innen angegriffen und auch online Outing- und Hetzkampagnen gegen diese als vermeintliche ,Schergen des Systems‘ oder ,Propagandaverantwortliche‘ eröffnet werden. Als im Herbst 2020 zwei Schüler:innen bei einer ,Corona-Demo‘ in Eggenfelden sich trauten am ,open microphone‘ eine kritische und eloquente Gegenrede zu den ,Corona Rebellen‘ zu formulieren, wurden diese vom geifernden Mob in der Luft zerrissen. Die ,Erwachten‘ feierten sich anschließend dafür es den beiden Teenagern ,so richtig gezeigt‘ zu haben.

Kalkulierte Tabubrüche und Kräftemessen mit dem Staat

Inzwischen haben nicht nur extrem rechte Parteien wie die AfD die Anti-Pandemiemaßnahmen-Politik für sich entdeckt. Ende des Jahres 2020 publizierte auch die neonazistische Kleinstpartei Der III. Weg ihre eigene Anti-Corona-Kampagne in Ostbayern. Das Aufspringen der Parteien der organisierten Rechten als Trittbrettfahrer der Protestbewegung ist leicht, denn das Nest innerhalb der ,Corona Rebellen‘-Szene ist längst gemacht. Verbindend wirken hier der gemeinsame vermeintliche Opferstatus als ,Unterdrückte‘ und ,Feinde des Systems‘, das damit einhergehende grundlegende Misstrauen in den Staat und seine Strukturen sowie gegen das aktuelle demokratische System. Das in der ,Corona Rebellen‘-Bewegung herrschende Narrativ vom vermeintlich legitimen und notwendigen notwehrähnlichen Widerstand gegen das System und dessen politische Autoritäten wird aus Reihen der extremen Rechten genutzt und angeheizt. Der Wandel im Selbstverständnis von der ,Corona Rebellen‘- zur ,Widerstandsbewegung‘ ist dort beobachtbar, wo die Versuche mittels ,alternativ-wissenschaftlicher‘ Perspektiven gegen Corona aufzuklären, von politischen und gesellschaftlichen Umsturzforderungen abgelöst wurden. Auf in ,Freiheitsdemos‘ umbenannten ,Corona Protesten‘ wird dann beispielsweise selbst seitens AfD Politiker:innen für die Kampagne „Landtag abberufen“ geworben und Demoteilnehmer:innen fordern einen Friedensvertrag für Deutschland statt Finanzhilfen für Selbständige. Kritik und Unverständnis für diese Entwicklung prallt am entsprechenden verschwörungsideologisch geprägten Milieu ab. „Je mehr wir bekämpft werden, umso richtiger liegen wir“, lautet das Credo der Szene. Infektionsschutzmaßnahmen wie das Tragen von Mund-Nasen-Masken, Abstandsregelungen oder Auflagen zum Social Distancing werden als Versuche der Regierung verstanden, die Bewegung ,mundtot‘ zu machen und ihre Reichweite zu beschränken. Als Reaktion darauf versuchen die autoritären Rebell:innen den ,Mainstream‘ mittels zahlloser kalkulierter Tabubrüche und Grenzüberschreitungen ,zum Aufwachen‘ zu bewegen. Folgt eine Reaktion auf die ständigen Provokationen, etwa in Form von Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen Infektionsschutzverstößen, kritischen Überprüfungen von MNS-Befreiungsattesten oder Demoverboten, wird im Stil der Täter-Opfer-Umkehr das Narrativ der politischen Verfolgung bespielt und sich selbst eine Märtyrerrolle zugeschrieben.

Professionalisierung der Bewegung und Handlungsperspektiven

Über das vergangene Jahr hat sich die noch recht junge Bewegung durch ihr gewonnenes Erfahrungswissen in der Organisation und Vermarktung von Protesten deutlich professionalisiert. Sichtbar wird dies in der Anschaffung von Bühnentechnik, der Generierung erheblicher Geldspenden sowie der Ausbildung eines Netzwerks unterschiedlich spezialisierter Initiativen. Muster zur Umgehung von Versammlungsauflagen und gerichtlichen Verbote werden durch das Nutzen von Unklarheiten und Lücken in Verordnungen oder schlicht durch die Macht der Masse einmal erfolgreich erprobt, kurz darauf in zahllosen anderen Städten umgesetzt. Den Behörden scheint die vernetzte Bewegung auf diese Weise oft einen Schritt voraus, den Einsatzkräften fehlt es vielerorts scheinbar an einheitlichen Konzepten zum Umgang mit den diffusen Protestgeschehen. Die ,Corona Rebellen‘ fühlen sich durch solche Zögerlichkeit regelmäßig bestätigt. „Selbst die Polizei ist eigentlich auf unserer Seite“, jubeln die Aktiven, wenn sie bemerken, dass die Einsatzkräfte ihre Kompetenzen nicht voll ausschöpfen und sich unnötig lange vorführen lassen. Den Missionierungsdrang der autoritären Rebell:innen bestärkt dieser Raumgewinn.

Deshalb gilt es hier anzusetzen und den ,Erwachten‘ klar zu zeigen, dass sich ihnen die breite Masse nicht etwa aus Ahnungslosigkeit nicht anschließt oder gar heimlich mit ihnen sympathisiert. „Wir kennen eure Positionen und wir sind weder eurer Meinung noch teilen wir diese heimlich, sondern wir lehnen diese ganz bewusst und offen ab!“, kann hier ein Tenor lauten. Es braucht offene und energische Positionierungen gegen die zunehmenden Umsturzphantasien und den virulenten Antisemitismus der Bewegung – auf medialer und politischer Ebene, aber eben auch auf persönlicher Alltagsebene. Es hilft, den ,Corona Rebellen‘ im Bekanntenkreis und im Zwiegespräch ihre kleinen Anekdoten von angeblichen Bekehrungen und Erfolge durch Übergriffe zu nehmen, indem man ihren rhetorischen Tricks nicht nachgibt und ihren Theorien und Narrativen nicht ,um des lieben Friedens Willen’ den Raum überlässt. Vor allem aber gilt es, die Radikalisierten und ihre rechten Inhalte nicht als legitimen Teil eines (gesellschaftlichen) Diskurses anzunehmen, auch wenn sie sich instrumentell und selektiv auf Grundrechte und den Begriff der Freiheit beziehen. Es gilt, den autoritären Rebell:innen immer wieder klar aufzuzeigen, dass man sich nicht mit ihnen gemein macht – nicht aus Ahnungslosigkeit, sondern ganz, ganz bewusst.

Von:

Katharina Fuchs

Mitarbeiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern | Büro Nordost