Verschwörungsideologie und Faktencheck

Goldener Aluhut

„Die reiche Elite will uns alle versklaven!“, ruft die wütende Frau Mitte 30 in die Kamera. „Ich
lasse mich nicht impfen. Keine Macht den Mikrochips!“, ist auf einem mit dickem Edding
geschriebenen Plakat zu lesen, das ein nicht weniger aufgebrachter junger Mann mit hochrotem
Kopf in die Luft hält – Eindrücke eines heißen Augusttages in Berlin im Sommer 2020. Diese und
ähnliche Szenen haben sich auf einer der sogenannten „Querdenker-Demos“ abgespielt, die seit
dem Beginn der Corona-Pandemie in zahlreichen deutschen Städten stattfinden. Auch und gerade in
Zeiten von COVID-19 kursieren diverse Verschwörungsideologien: vor allem in den sozialen
Netzwerken des Internets, aber auch in anderen Medien wie in Büchern oder Wurfsendungen. Fast
jeder kennt mittlerweile mindestens eine Person im Freundes- oder Familienkreis, die an
Falschinformationen glaubt und diese eventuell auch ungefiltert an andere weitergibt. Die Anfragen
besorgter Angehöriger bei beratenden Organisationen mehren sich, denn Krisenlagen sind schon
immer ein Katalysator für Verschwörungsideologien gewesen und haben in der heutigen Zeit durch
das Internet eine zusätzliche Plattform zur Verfügung.
Die „Flat Earth Theory“ besagt in kurzen Worten, dass die Erde flach wie eine Frisbee-Scheibe sei
und am Rand von der Antarktis begrenzt werde, damit niemand unbeabsichtigter Weise
herunterfalle. Sicher hat auch fast jeder schon einmal von den sogenannten „Chemtrails“ gehört. Anhängerinnen dieser Erzählungen sind überzeugt, dass Kondensstreifen von Flugzeugen
bestimmte Chemikalien enthielten, die sich auf das Verhalten der Menschen auswirkten. Nicht nur
Piloten fallen bei solchen Behauptungen aus allen Wolken. Die „Q-Anon“ Ideologie wiederum
verbreitet seit 2017 rechtsextreme Inhalte: Eine „satanische Elite“ entführe und foltere Kinder, um
aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge zu gewinnen.
Doch welche psychologischen Hintergründe haben Verschwörungsideologien? Wieso beginnen
Menschen, an sie zu glauben? Welche eventuellen Gefahren existieren und wie kann man
selbstständig Fakten überprüfen?

Die Gründe, wieso Menschen anfangen, sich für Verschwörungserzählungen zu interessieren, sind
individuell sehr unterschiedlich. Zuerst einmal ist die Furcht in ihren verschiedenen Facetten zu
nennen. Diverse Ängste, die bei vielen Menschen bereits vor der Corona-Pandemie existierten,
bekommen aktuell neuen Nährboden. Es handelt sich hauptsächlich um Existenz-, Krankheits- oder
Todesängste; um die Sorge, die Kontrolle zu verlieren. Indem man sich eine Erklärung für die
unbekannten und beängstigenden Umstände zurechtlegt oder von anderen praktischerweise auf eine
solche gestoßen wird, wird die Illusion eben dieser Kontrolle hergestellt. Die eigene Ohnmacht tritt
in den Hintergrund, man fühlt sich plötzlich wieder aktiv und tatkräftig. Störende Teile der Realität
können somit gut ausgeblendet und ignoriert werden. Durch Bindung an eine Ideologie vermittelt
man sich selbst ein Gefühl der Sicherheit, der klaren Richtlinien in einer ansonsten unsicheren Welt.
Der Gläubige lebt quasi in einem ihm als geschützt erscheinenden Mikrokosmos.
Ein weiterer Grund, warum Menschen in den Verschwörungsglauben abrutschen, ist das
Gemeinschaftsgefühl mit Gleichgesinnten. Es wird sich zusammengetan, um gegen „die da oben“
anzugehen. Dies ist gut am Beispiel der „Querdenker“ zu erkennen, die zwar auf den ersten Blick
aus unterschiedlichen Richtungen, wie z.B. der Esoterik, dem Rechtsextremismus oder dem
christlichen Fundamentalismus kommen, die jedoch ein gemeinsamer Nenner eint: Verbrüderung
für „die Sache“. Die Welt wird in gut und böse aufgeteilt. Während sie selbst die „Erwachten“ sind,
befinden sich die anderen noch im „Tiefschlaf“ und verstehen nicht, was um sie herum vorgeht,
welche Mächte da am Werke sind. Eventuelle Ungereimtheiten in ihrem Weltbild werden häufig
ignoriert, gerne mit dem Totschlag-Argument, dass man sie genau diese Dinge ja glauben lassen
will. Durch diese Widersprüche werden ihre Thesen im Endeffekt also für sie oft nur bestätigt.

Die möglichen Gefahren, die für den Einzelnen aus dem Abdriften in einen Verschwörungsglauben
entstehen, sind so vielfältig wie die Ideologien selbst. Der Gläubige beginnt eventuell, sich
abzukapseln und sich von seiner Familie oder vom Freundeskreis zu entfremden, wenn diese seine
Überzeugungen nicht verstehen. Dort entstehen dann mitunter Konfliktsituationen bis hin zu Streit,
Trennung oder Scheidung. Auch können Ängste aufkommen, die mit dem neuen Weltbild
einhergehen: Furcht vor dem Weltuntergang, vor Vergiftung oder der (Corona-) Diktatur. Aus
diesen Ängsten kann wiederum Ablehnung von medizinischer Versorgung entstehen (wie in der
aktuellen Krise das Verweigern einer Impfung oder Testung). Es kann soweit gehen, dass
Verschwörungsanhänger*innen sich selbst oder anderen mit alternativmedizinischen Produkten gesundheitlichen Schaden zufügen. Für Kinder des oder der Verschwörungsgläubigen besteht die Gefahr eines ideologischen Missbrauchs. Kinder in diesen Familien werden häufig so intensiv mit dem ihren Eltern eigenen Weltbild konfrontiert, dass sie es dann selbst übernehmen. Auch für die Gesellschaft und die Politik entstehen durch Verschwörungserzählungen sehr ernstzunehmende Gefahren: Extremistische Parteien und Gruppierungen erhalten dank eines Wahlkampfes mit Verschwörungsinhalten mehr Zulauf als früher und somit politische Macht. Rechtes und menschenfeindliches Gedankengut gepaart mit Verschwörungsglauben führen zu Umsturzphantasien, wie man beim Sturm auf das Kapitol in den USA oder bei der Erstürmung der Reichstagstreppe in Berlin gesehen hat. Das lag nicht zuletzt daran, dass Menschen Entscheidungen aufgrund von Fehlinformationen statt auf der Basis von Fakten getroffen haben. Wie kann jeder Einzelne Fakten überprüfen?

Diese Frage stellt sich in einer bisher selten dagewesenen Dringlichkeit. Diese Schritte sind nötig:

Quellencheck

Zuerst fragt man sich: Ist die Quelle seriös? Wer steht hinter dem Medium (siehe Impressum)? Wurde die Geschichte eventuell bereits widerlegt? Jetzt kommt der Faktencheck ins Spiel. Seiten wie mimikama.at , factcheck.org oder correctiv.org können hier oft weiterhelfen.

Suchmaschinencheck

Erfolgversprechend kann hier das Suchen mit verschiedenen Suchmaschinen sein. Um die Suche nach einem Titel, Teaser oder Textfragment zu präzisieren, kann man sowohl nach Datum einschränken (in der Google-Suche unter „tools“ zu finden) als auch auf eine bestimmte Seite. Dazu setzt man dem Suchbegriff den Google-Befehl „site:“ voraus, gefolgt von der Internetadresse. Hilfreich kann auch sein, nach dem oder der Verfasserin eines im Artikel zitierten Expertin zu suchen. Dies lässt häufig Schlüsse auf seine oder ihre Glaubwürdigkeit zu (hat er oder sie eine entsprechende Ausbildung, ein passendes Studium, ausreichende Expertise?). Zur tiefer gehenden Suche ist auch das Recherchieren in Artikelarchiven von Redaktionen zielführend.


Bilder- und Videocheck
Sogenannte Hybrid-Fakes nutzen echte Bilder in falschem Kontext, um den oder die Leser*in
emotional anzusprechen. Ebenso häufig wird manipuliertes, mit Photoshop oder ähnlichen
Programmen bearbeitetes Bildmaterial genutzt. In Kombination mit einer Google -Suche mit
zeitlicher Einschränkung kann hier oft ein Bild bis zurück zu seiner ersten Veröffentlichung
rückvollzogen werden. Zusätzlich bieten die Seiten yandex und tineye Bilder-Rückwärtssuchen an.
Die bei Fotos zu findende Taktik wird auch bei Videos angewendet, hier muss man allerdings einen
Umweg über Screenshots nehmen. Sehr gut eignen sich dazu Thumbnails. Der Youtube Data-
Viewer ist hier das passende Instrument, um sämtliche Metadaten wie die Zeit des Hochladens und
eine übersichtliche Auflistung der Vorschaubilder zu erhalten. Nun kann mit einem Klick auf den
zugehörigen Link die Bilder-Rückwärtssuche gestartet werden.

Zwei Faktenchecks:
„In den Impfungen sind Mikrochips enthalten.“
Eine gängige Behauptung ist, dass mit dem Impfstoff auch Mikro- oder Nanochips in den Körper
gelangen. Diese sollen die Menschen steuern, Gedanken kontrollieren oder sie gar umbringen
können. Rein technisch kann das nicht funktionieren. Es gibt zwar Chips, die dafür gedacht sind,
über eine Injektion appliziert zu werden, doch diese sind nur unwesentlich kleiner als ein Reiskorn
und somit um ein vielfaches dicker als die Injektionsnadel der Impfspritze. Zudem muss man mit
einem Lesegerät um 5-20 cm an diese Chips herangehen, um sie auszulesen. Sie haben keine eigene
Batterie und sind auf die Energie des Lesegerätes angewiesen. Das Können dieser Chips wird
hoffnungslos überschätzt – der modernste und kleinste ist 0,4mm x 0,4mm groß und kann eine 38-
stellige Zahl speichern sowie an ein Lesegerät schicken – mehr nicht. Letztlich wurden Dinge wie
Gedankenkontrolle bisher auch noch gar nicht erfunden.
„Die Impfstoffe wurden nicht ausreichend getestet; sie sind unsicher. Es fehlen Langzeitdaten.“
Impfstoffe gehen im Gegensatz zu Medikamenten nicht ins Blut, werden also nicht vom
Organismus aufgenommen und dort verstoffwechselt. Sie lösen nach dem Injizieren eine
Immunreaktion aus und zersetzen sich dann bald. Sie können also gar nicht jahrelang auf unseren
Körper einwirken – aus diesem Grund benötigen wir keine Langzeitdaten. Passiert bei einer
Impfung etwas, dann relativ bald danach – wie die vereinzelten Fälle von Thrombosen nach der
AstraZeneca-Impfung. Ein weiteres Beispiel hierfür sind auch die Narkolepsiefälle nach dem
Schweinegrippen-Impfstoff „Pandemrix“. Nach einem Jahr der Datensammlung konnte man den
Impfstoff als verlässliche Ursache identifizieren. Sämtliche Fälle traten relativ direkt nach der
Impfung auf.


Quellen
Präsentation „Gefahren durch Verschwörungsglauben“ von Giulia Silberberger (Der goldene
Aluhut gUG, Berlin)
Präsentation „The Tools of the Trade – Die besten Werkzeuge für Recherche und Faktenchecks“
von Rüdiger Reinhardt (Der goldene Aluhut gUG, Berlin)
https://de.wikipedia.org/wiki/Proteste_gegen_Schutzma%C3%9Fnahmen_wegen_der_COVID-19-
Pandemie_in_Deutschland#Demonstration_am_1._August_2020


Autor*innen vom goldenen Aluhut:
Giulia Silberberger
Babette Heezen
Rüdiger Reinhardt