Was sind Verschwörungstheorien?

Marlene Schönberger

Einleitungstext

Seit Monaten befinden wir uns mitten in einer Pandemie. Die Bedrohung durch ein unsichtbares Virus verunsichert verständlicherweise viele Menschen. Wöchentlich finden in zahlreichen Städten Demos gegen die Anti-Corona-Maßnahmen statt. Auf diesen Demos spielen Verschwörungstheorien eine große Rolle und auch im Internet florieren wilde Annahmen über die Pandemie. So glauben einige Menschen wahlweise, dass das Corona-Virus nicht gefährlich, absichtlich in Umlauf gebracht oder aber gar nicht wirklich existent sei. Den meisten dieser Theorien haben die Gemeinsamkeit, dass den politischen Eliten und den Medien unterstellt wird, absichtlich Panik vor COVID-19 zu schüren, zum Beispiel, um die Gesellschaft zu destabilisieren oder aber die Menschen zu Impfungen zu motivieren, die dann angeblich Gift oder einen kleinen Chip enthielten. Für Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, ist die Pandemie Teil eines großen Plans mächtiger Verschwörer*innen, der zum Beispiel das Ziel habe, die Demokratie zu zerstören, die Menschen zu entrechten und die sogenannte „Neue Weltordnung“ einzuführen.

Viele Anhänger*innen der Corona-Verschwörungstheorien lehnen alle staatlichen Schutzmaßnahmen vor dem Virus ab. Das ist gefährlich für die Gesundheit von uns allen. Mindestens genauso gefährlich ist die Verbreitung von derartigen Ideen aber für die Demokratie.

Was ist eigentlich eine Verschwörungstheorie?

Ganz allgemein bezeichnet man die Annahme, dass eine kleine, mächtige und böse Gruppe den Verlauf der Dinge zu ihrem eigenen Vorteil steuern würde, als eine Verschwörungstheorie. Diese kleine mächtige Gruppe habe sich angeblich verschworen, um mehr Macht zu erhalten, häufig sogar die Weltherrschaft zu erlangen. Aus der Perspektive von Verschwörungstheoretiker*innen ist alles, was „gewöhnliche Menschen“ auf den ersten Blick erkennen können, nur Schein und Fassade. Alle offiziellen Akteur*innen, zum Beispiel Politiker*innen oder Demonstrant*innen, sind in dieser Weltsicht „Teil des Systems“ oder Marionetten der Verschwörer*innen. Alles, was wir für Zufall halten, ist in der verschwörungstheoretischen Weltsicht Teil eines teuflischen Plans.

Verschwörungstheorien sind sehr alt. Und auch die Mythen zur Corona-Krise, so neu sie eigentlich sein mögen, fügen sich in diese uralte Tradition ein. Sie arbeiten mit Bedrohungsszenarien und antisemitisch gefärbten Feindbildern, die seit dem Mittelalter bekannt sind und spätestens seit der Französischen Revolution politisch genutzt werden. Dazu gehört etwa die Angst vor Jüdinnen und Juden, vor Geheimgesellschaften wie den Illuminaten oder aber Angst vor dem Kommunismus oder dem Sozialismus. Und diese Angst ist immer verbunden mit Hass, häufig sogar Vernichtungsfantasien.

Antisemitisch und brandgefährlich

Verschwörungstheorien können wie irrwitzige Gedankenkonstrukte erscheinen und häufig lassen sie einen auch schmunzeln. Die Annahmen etwa, dass Angela Merkel ein Echsenmensch sei oder die 2016 gestreute Pizzagate-Verschwörungstheorie, die besagt, dass in einer Pizzeria in Washington, D.C. ein Kinderpornoring agiere, in den auch die damalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton verwickelt sei, erscheinen so absurd, dass man lachen möchte.

Dennoch müssen wir Verschwörungstheorien immer ernst nehmen. Viel zu schnell werden aus Gedanken und Worten schreckliche Taten.1 Und Verschwörungstheorien lassen sich politisch nutzen.

So können politische Akteur*innen mit Verschwörungstheorien Fehlentwicklungen begründen. Der US-Präsident Donald Trump beispielsweise witterte stets eine Verschwörung der Medien oder einen „deep state“, also verborgene Mächte innerhalb seines Staatsapparats, die gegen ihn arbeiten würden. Ebenso können mit Verschwörungstheorien Menschen geködert, mobilisiert und aufgehetzt werden. Da der Glaube an eine bedrohliche Verschwörung eine Verteidigungshaltung erzeugen kann, können Verschwörungstheorien dazu beitragen, ansonsten vielleicht umstrittene oder radikale bis menschenverachtende politische Maßnahmen, z.B. die Anwendung von Gewalt, zu legitimieren.

Ein besonders tragischstes Beispiel für den strategischen Einsatz von Verschwörungstheorien ist der Nationalsozialismus: Die antisemitische Theorie einer jüdischen Weltverschwörung wurde von den Nationalsozialist*innen massiv befeuert. Schon Kinder wuchsen mit der Idee auf, dass das ganze System von „ekelhaften“, „hinterhältigen“, „bösen Juden“ durchzogen sei. Aus dieser Logik heraus schien es unausweichlich, deren Vernichtung voranzutreiben. Millionen von Menschen wurden ermordet. Bis heute ist der Antisemitismus ein zentraler Bestandteil von Verschwörungstheorien, auch wenn häufig von „Zionisten“, „dem Hochfinanz“, „Raubtierkapitalisten“ oder „Satanisten“ anstatt von „den Juden“ gesprochen wird.

Um die zerstörerische Kraft von Verschwörungsglauben zu sehen, muss man gar nicht so weit zurück gehen. Nahezu alle rechtsextremen Attentäter der letzten Jahre scheinen sich im Internet radikalisiert zu haben und waren glühende Anhänger eines verschwörungstheoretischen Weltbildes. Sie hatten Angst vor der „neuen Weltordnung“ und dem „Bevölkerungsaustausch“. Der norwegische Massenmörder Anders Breivik, der neuseeländische Täter von Christchurch, aber auch der Attentäter von Halle – sie alle waren motiviert durch die gleichen altbekannten antisemitischen Verschwörungstheorien.

Verschwörungstheorien sind antidemokratisch

Konspirationstheorien untergraben wichtige Grundvoraussetzungen für Demokratie. Die Annahme, dass es eine Verschwörung der politischen und meinungsbildenden Eliten gäbe, schwächt das Vertrauen der Menschen in wichtige demokratische Institutionen, etwa in Parlamente, die Justiz oder die Medien. Der Glaube, dass alles von geheimen Mächten gesteuert sei, schwächt das Interesse von Menschen an politischer Partizipation. Studien zeigen, dass diese Einstellungen die Befürwortung von Demokratie als „beste Regierungsform“ schmälern und zu illegalen, gewalttätigen Aktionen anregen können. Da die angeblichen „Hintermänner“ in Verschwörungstheorien häufig als absolut böse und überaus mächtig dargestellt werden, heißt das im Umkehrschluss, dass eine reine demokratische Abwahl der Eliten das „Problem“ nicht löst. Dass dieser Umstand Vernichtungsgedanken nahelegt, zeigt die generelle Nähe von Verschwörungstheorien zum Antisemitismus.

Wann nehmen Verschwörungstheorien zu? Und wer glaubt an sie?

Zeiten der Verunsicherung und Angst, in früheren Zeiten etwa Pestwellen oder Kriege, heute die Corona-Pandemie, erhöhen die Bereitschaft der Menschen, an Verschwörungstheorien zu glauben, beträchtlich. Studien legen nahe, dass es vor allem wahrgenommener Kontrollverlust ist, der zu dieser Bereitschaft führt. Verschwörungstheoretische Erklärungen sind in Krisenzeiten besonders attraktiv, da sie der Komplexitätsreduktion dienen, einfache Antworten und neue Ordnungsmuster bieten und den Ereignissen Sinn verleihen. Durch den Glauben an Verschwörungstheorien wird absehbar „wohin das alles führen wird“ und vor allem werden die Schuldigen klar benannt. Die Schuldigen zu kennen, hat Vorteile: Die eigene Mitverantwortlichkeit für bestimmte Entwicklungen wird ausgeschlossen und es besteht stets die Hoffnung, durch die Entlarvung und Beseitigung bis Vernichtung der Schuldigen, einen besseren Zustand zu erlangen. Zusätzlich können Verschwörungstheorien ihren Anhänger*innen das Gefühl vermitteln, etwas Besonderes zu sein, immerhin hätten sie die Wahrheit durchschaut.

1 Auch die Pizzagate-Verschwörung blieb nicht ohne Folgen: Am 4. Dezember 2016 drang ein bewaffneter Mann in eine Pizzeria ein, um die angeblich dort festgehaltenen und missbrauchten Kinder im Keller zu befreien. Dabei gab er zwei Schüsse auf ein Türschloss und einen Computer ab. Verletzt wurde niemand.