Esoterik und Verschwörungsideologie

Esoterik und Verschwörungsideologie

Peter Bierl

Die Theresienwiese in München, sonst Schauplatz des weltberühmten Oktoberfests, ist zur Bühne der Querdenker*innen-Szene geworden. Seit Frühjahr 2020 fanden dort Kundgebungen statt. Viele schwenkten Regenbogenfahnen mit der Aufschrift „Pace“ aus der Zeit der Proteste gegen den Irakkrieg 2003. Von der Bühne sprachen prominente Vertreter*innen aus der Esoterikszene wie Jürgen Fliege und Rüdiger Dahlke. Wenn aus den Boxen die alte Hippie-Hymne „Age of Aquarius“ über die Wiesn schallte und viele mitsangen, war das für Nazis ein clash of cultures.

Die Eindrücke passen zum Befund von Wissenschaftler*innen aus der Schweiz. Sie haben Fragebögen von mehr als 1100 Teilnehmer*innen der Corona-Proteste ausgewertet. 67 Prozent befürworteten mehr Spiritualität in der Gesellschaft, 63 Prozent forderten eine Gleichstellung der sogenannten Alternativmedizin, 64 Prozent glaubten „natürliche Selbstheilungskräfte“ würden gegen das Corona-Virus schützen und fast 85 Prozent würden sich nicht einmal dann freiwillig impfen lassen, wenn nachgewiesen sei, dass keine negativen Folgen auftreten könnten.1

Die Neigung zu den Querdenker*innen resultiert daraus, dass Esoterik grundsätzlich irrational, elitär und verschwörungsträchtig ist. Denn Esoterik meint ein geheimes Wissen, das nur Eingeweihten zugänglich ist. Höhere Mächte und Wesenheiten, Götter und Engel oder spirituelle Führer*innen bestimmen den Lauf der Welt. Der Mensch zappelt an den Schnüren höherer Mächte. Auf bizarre, nicht durchschaute Weise spiegelt sich darin wider, dass unser aller Leben von den anonymen Mächten des Marktes abhängt.

Die Anthroposophie ist deren einflussreichste Formation in Deutschland. Sie verfügt über ein eigenes Schulsystem, die Waldorfschulen, und ist mit Marken wie Demeter oder Weleda präsent. Entstanden ist die Anthroposophie als deutschnationale Abspaltung von der Theosophie, die als Mutter der modernen Esoterik gelten darf. Auf geschäftstüchtige Theosoph*innen geht etwa der Hokuspokus der zeitgenössischen Astrologie zurück. Zentral ist die Lehre von Karma und Reinkarnation, wonach das Leben jedes Menschen von seinen Handlungen in früheren Leben geprägt ist. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, behauptete, seelische Anlagen, Aussehen und Befinden, Geschlecht und soziale Position eines Menschen sowie sein Lebensweg seien durch das Karma bestimmt.

Steiner war Antisemit und Rassist. Er lehrte, dass spirituell hoch entwickelte Wesen in fortgeschrittenen Rassen inkarnierten, entwicklungsunfähige Wesen in niederen Rassen. Juden inkarnierten immer wieder als Juden, solange sie nicht Christus anerkennen. Laut Steiner schaffe die weiße Rasse am Geiste, während Schwarze überhitzte Triebwesen seien und Juden zersetzend wirkten. Speziell die Deutschen hätten die Mission, das göttliche Ich-Bewusstsein zu entwickeln. Den Ersten Weltkrieg deutete er als Verschwörung von Freimaurern, Jesuiten und Juden gegen Deutschlands Mission.

Der menschliche Körper galt Steiner als Offenbarung höherer Mächte. Jede Krankheit verweise auf eine Störung in dieser Verbindung. Wenn die ätherische oder die astrale Tätigkeit zu stark sei, gerate der Organismus in Unordnung. Blähungen erklärte Steiner als Effekt eines astralischen Organismus, der zu stark wirke.2 Er bezeichnete manche Bazillen als „Träger von Infektionskrankheiten, die von den Lügen der Menschheit herstammen“ und sprach von „physisch verkörperten Lügendämonen.“3

Zum Impfen waren Steiners Positionen nicht eindeutig, auch die Äußerungen seiner Anhänger*innen zur Corona-Pandemie fallen unterschiedlich aus. Einige gingen auf Distanz zum Querdenker*innen-Spektrum. Für einiges Aufsehen sorgte Joseph Wilhelm, der Chef des Rapunzel-Konzerns, der die Gefahr herunterspielte. Er sei „voller Vertrauen in die Weisheit des Lebens“. Gesunde Ernährung sorge für ein ausreichend starkes Immunsystem und Viren seien „höchst intelligente ‚Wesen‘ und erfüllen ihre Aufgabe genau so, wie sie sie zu erfüllen haben im großen Zusammenspiel der Naturkräfte“. Er sehe vor seinem „geistigen Auge Jagdkommandos, die widerstrebige Impfgegner einfangen und zwangsimpfen, um das Überleben unserer Rasse sicherzustellen“. In völliger Verkehrung der Maßstäbe bezeichnete Wilhelm das Tragen von Masken als „die höchste Form der Demütigung.“4 Eindeutig dem Querdenker*innen-Spektrum ist Christoph Hueck zuzurechnen, der von Hysterie und Zwang spricht. Er plädiert für ein spirituelles Verständnis von Corona: „Aus anthroposophischer Sicht kann Leiden als ein tiefer karmischer Entwicklungsimpuls verstanden werden“.5

Die zynische Aussage ist der Kategorie esoterisches Geschwurbel zuzurechnen. Der sozialdarwinistische und kapitalkonforme Gehalt wird deutlich, wenn Hueck erklärt, wir lebten „in einer Wohlfühl- und Wattepackgesellschaft, in der alles darangesetzt wird, Leiden zu vermeiden und den Tod so lange wie möglich hinauszuzögern.“6 Erste Studien zeigen, dass vor allem Menschen der unteren Klassen sich mit COVID-19 infizieren, erkranken und sterben, die in beengten Wohnungen leben und schlechte Jobs haben, die nicht im Homeoffice zu erledigen sind. Pandemie meets Klassengesellschaft und die Esoterik gibt ihren Segen dazu.

1 Oliver Nachtwey / Robert Schäfer / Nadine Frei, Politische Soziologie der Corona-Proteste. Grundauswertung, 17.12.2020, Studie der Uni Basel, https://idw-online.de/de/attachmentdata85376 (9.4.2021).

2 Rudolf Steiner, Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft. Zur Therapie und Hygiene. Elf Vorträge, Dornach 1965, GA 314, S.144f.

3 Rudolf Steiner, Die Theosophie des Rosenkreuzers (1907), GA 99, Dornach 1985, S.72, in: Ueli Hurter / Justus Wittich (Hg.), Perspektiven und Initiativen zur Coronazeit, Dornach 2020, S.59.

4 Joseph Wilhelm, Wochenendbotschaft zum 24. April 2020, https://www.rapunzel.de/wochenbotschaft-joseph-wilhelm-03.html (Abfrage 2.6.2020)

5 Christoph Hueck, Mein Weg durch die Corona-Hysterie, in: Die Drei, 6/2020, S.15.

6 Charles Eisenstein / Thomas Hardtmuth / Andreas Hueck / Andreas Neider, Corona und die Überwindung der Getrenntheit. Neue medizinische, politische, kulturelle und anthroposophische Aspekte der Corona-Pandemie, Stuttgart 2020, S.64